Es gibt Momente in der Selbständigkeit, in denen man sich ernsthaft fragt: Warum tue ich mir das eigentlich an?
Ich hatte so einen Moment. Und das nicht nur kurz, nicht nur mal an einem schlechten Tag, sondern über Wochen hinweg. Schleichend, zermürbend, laut.
Das Wichtigste auf einen Blick:
- Die Flaute gehört zur Selbständigkeit. Sie sagt nichts über deinen Wert aus.
- Reden hilft mehr als Schweigen. Fast allen Selbständigen geht es irgendwann so. Du musst das nicht alleine tragen.
- Struktur schlägt Optimismus. Ein klares Zeitfenster und ein konkreter Plan geben Halt.
- Loslassen ist eine Stärke. Wer sich auf das konzentriert, was wirklich funktioniert, gewinnt, auch wenn es sich zunächst nach Verlust anfühlt.
- Es kommen andere Zeiten. Aber du musst etwas dafür tun.
Die Ausgangssituation: Wenn die Ungewissheit zu viel wird
Die Selbständigkeit hat mir von Anfang an gegeben, was mir wichtig ist: Freiheit. Die Freiheit, meine Zeit selbst einzuteilen. Die Freiheit, Projekte anzunehmen, die mich wirklich interessieren. Die Freiheit, zu sagen, wofür ich stehe: inhaltlich, gestalterisch, menschlich.
Aber dann kam die Flaute.
Letztes Jahr um diese Zeit. Graue Reste des Winters, holpriger Start in den Frühling. Irgendwie lief alles schleppend und ich war unzufrieden. Wenige Aufträge in Sicht, und die auch erst im Herbst. Laufende Projekte waren bald abgeschlossen. Irgendwann fragte ich mich: Was dann? Ist das noch vertretbar? Kann ich das noch rechtfertigen?
Erschwerend kam hinzu: Ich habe eine Familie, für die ich Verantwortung trage und der gegenüber ich meinen eigenen Beitrag leisten will. Nicht weil es erwartet wird, sondern weil es mir wichtig ist. Dieses Gefühl, nicht so beizutragen, wie ich es mir selbst abverlange, ist schwerer zu tragen, als ich es mir jemals vorgestellt hätte. Es ist nicht rational. Aber es ist real. Und es hat an mir gefressen.
Die Frage, die mich verfolgte, war: Wann ist finanzielle Sicherheit wichtiger als berufliche Erfüllung? Wann schulde ich meiner Familie eine Anstellung?
Die Lösung: Drei Entscheidungen, die alles verändert haben
Die Antwort auf diese Frage habe ich nicht alleine gefunden. Und ich glaube, das war der erste und wichtigste Schritt.
1. Ich habe geredet. Viel geredet.
Viele Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen, die selbst selbständig sind. In meiner Mastermind-Gruppe. In der Q&A-Runder der Portfolio-Akademie von Franziska Walther. Und weißt du, was ich erfahren habe? Es geht allen so. Immer wieder. Die Flaute gehört zur Selbständigkeit wie der Herbst zum Jahr. Sie kommt. Sie geht. Und das Entscheidende ist, was man in ihr tut. Diese Erkenntnis allein hat etwas in mir verschoben. Ich war nicht gescheitert. Ich war mittendrin – in einem Prozess, den alle kennen, über den aber oft nicht gesprochen wird.
2. Ich habe meinem Polster vertraut.
Genau für diese Phasen hatte ich ein finanzielles Polster angelegt. Als bewusste Entscheidung in besseren Zeiten für Zeiten wie diese. Jetzt musste ich lernen, dieses Polster auch wirklich zu nutzen, ohne schlechtes Gewissen, ohne Panik. Es war da, um genau das aufzufangen. Das zu akzeptieren, war keine Niederlage. Es war Planung, die aufging.
3. Ich habe mir ein Zeitfenster gegeben.
Das war vielleicht der mutigste Schritt von allen. Ich habe mir ein Jahr gesetzt. Ein Jahr, in dem ich alles geben würde. Ohne Kompromisse, ohne halbe Sachen. Wenn sich nach diesem Jahr nichts verändert hätte, hätte ich mir eine Anstellung gesucht. Dieser Entschluss hat mir auf seltsame Weise Frieden gegeben. Denn plötzlich war die Entscheidung nicht mehr diffus und dauerhaft bedrohlich, sondern klar und zeitlich begrenzt. Und diese Klarheit hat mich handlungsfähig gemacht.
Der Weg bis heute: Was passiert ist, wenn man wirklich kämpft
Dann habe ich angefangen, etwas zu tun. Bewusst, gezielt, mutig. Und ja, viele dieser Aktionen haben mich wirklich etwas gekostet.
Ich habe Gespräche gesucht, die ich vorher immer wieder aufgeschoben hatte. Auf der Frankfurter Buchmesse habe ich an Türen geklopft, Gespräche geführt, mich gezeigt. Immer in dem Gefühl: Es geht jetzt um etwas. Tu es. Das hat mich Mut und manchmal viel Überwindung gekostet. Aber es hat viele Türen geöffnet, durch die ich dieses Jahr voller Freude gehe.
Ich habe meinen Schwerpunkt geschärft. Dinge losgelassen, die keinen Sinn mehr gemacht haben. Bereiche, die ich bis dahin noch irgendwie mitgeschleppt hatte, weil sich dieser alte Traum noch immer irgendwie so süß angefühlt hat (die Mustergestaltung – wie habe ich mich in dich verliebt, aber beruflich kommen wir nicht zusammen). Dieses Loslassen ist oft unterschätzt, habe ich gelernt. Es fühlt sich nach Verlust an. Ist es ja erstmal auch. Aber tatsächlich schafft es Raum für das, was womöglich wirklich funktioniert. (Was sich 2026 für mich geändert hat, kannst du auch hier nachlesen.)
Neue Kunden kamen. Manche mit ein bisschen Glück, andere weil ich aktiv geworden war. Weil ich sichtbarer geworden war. Weil ich aufgehört hatte zu warten, und angefangen hatte zu gestalten.
Kurz gesagt: Es ist sehr, sehr viel passiert.
Was ich heute weiß und was ich dir mitgeben möchte
Ich schreibe das nicht, um zu beeindrucken. Ich schreibe es, weil ich glaube, dass du das gerade vielleicht auch kennst. Dieses Gefühl, ob man weitermachen soll. Die Erschöpfung davon, Ungewissheit auszuhalten. Die stille Scham, die kommt, wenn man das Gefühl hat, nicht genug beizutragen.
Hier ist, was ich gelernt habe:
🔸 Die Flaute sagt nichts über deinen Wert aus. Selbst die besten Selbständigen kennen sie. Der Unterschied liegt darin, wie man auf sie reagiert.
🔸 Austausch ist das A und O. Wer in der Flaute schweigt, bleibt allein damit. Wer redet, merkt: Es geht anderen genauso. Und manchmal steckt im Gespräch mit einer Kollegin eine Idee, ein Kontakt, eine Perspektive, die alles verändert.
🔸 Struktur hilft mehr als Optimismus. Ein klares Zeitfenster, ein konkretes Ziel, ein realistischer Plan – das ist mehr wert als jede motivierende Playlist. Sich selbst eine Deadline zu setzen klingt hart. Aber es macht den Kopf frei. Bei mir war es zumindest so.
🔸 Fokus ist das Gegenteil von Aufgeben. Dinge loszulassen, die nicht mehr funktionieren, ist kein Scheitern. Es ist eine unternehmerische Entscheidung. Oft ist weniger wirklich mehr.
🔸 Der innere Schweinehund lügt! Er erzählt dir, dass die Anfrage sich nicht lohnt. Dass der Anruf zu aufdringlich wäre. Dass es nichts bringt, sich zu zeigen. Er lügt. Mach es trotzdem.
Flauten kommen, Flauten gehen
Das Jahr, das ich mir gegeben habe, ist vorbei. Und ich bin noch da. Hurra! Selbständig, mit mehr Klarheit über meinen Weg, mit neuen Kunden und dem festen Wissen: Das hier bin ich. Das entspricht mir. Und das war es wert. Eine liebe Freundin sagte letztens zu mir: „Du bist sehr viel selbstbewusster geworden im Nach-außen-Treten und Dich-verkaufen, im Kontakte-suchen und auch in deinem Selbstbild.“ Ich weiß jetzt, woher das kommt. Ich brauchte das Tief, um daran zu wachsen.
Die Selbständigkeit wird wieder Flauten bringen. Das weiß ich jetzt. Aber ich weiß auch, wie sie sich anfühlen – und dass sie vergehen. Das verändert vieles.
Wenn du gerade in einer solchen Phase steckst: Du bist nicht allein. Es ist Teil dieses Weges. Und dieser Weg ist manchmal hart, aber er gehört dir. Kein Chef entscheidet über deine Inhalte. Kein Büro, in dem du sein musst, weil die Anwesenheitspflicht es so verlangt.
Dieser Preis – die Freiheit – ist real. Und er ist es wert, dafür zu kämpfen.
4 Kommentare
Liebe Janina,
danke, dass du so viele Gedanken hier teilst. Ich bekomme immer wieder mal was mit von deinem Weg und finde es sehr inspirierend, deine Entwicklung zu sehen. Schade, dass du dich vom Mustern verabschiedet hast…
Vielleicht hast du ja mal wieder Lust, dass wir uns treffen.
Liebe Grüsse
Edi
Liebe Edi,
wie ich mich über deinen Kommentar freue! Vielen lieben Dank! Mein Ziel für dieses Jahr ist unter anderem, mich in Zeiten von KI und umfassenden Krisen menschlich und nahbar zu zeigen. Alles, was im Kleinen Gutes bewirkt, hat früher oder später auch Auswirkungen im Großen, glaube ich.
Ja, lass uns sehr gerne wieder treffen!
Liebe Grüße
Janina
Liebe Janina,
ich finde es großartig, was du schreibst und denke, es hat durch seine radikale Ehrlichkeit das Porential, vielen Kolleg*innen Mut zu machen.
Ich denke auch, dass es sehr wichtig ist, mit Vertrauten über innere und äußere Flauten zu sprechen:
Die Ansprüche, die man an sich selbst hat, sind oft so viel höher als das, was die anderen erwarten, oder besser gesagt: die anderen sehen viel mehr in dir, als du vielleicht selbst empfindest (und das misst sich längst nicht nur an der Arbeit, die Geld bringt.)
Das Leben ist immer Tag und Nacht, aber nur die Nacht ermöglicht uns die Ruhe, die es braucht, den kommenden Tag zu meistern. So sehe ich es auch mit Flauten.
Ich wünsch dir von Herzen ein buntes und erfülltes Jahr.🤗 und freue mich darauf, deine Arbeit in Bologna zu bestaunen.
Susanne
Liebe Suanne,
vielen Dank für diese lieben Worte und deine Perspektive auf das Thema.
Der Gedanke, dass die anderen oft mehr in uns sehen als wir selbst, begegnet mir immer wieder mal im Laufe meines (beruflichen) Lebens, vor allem dann, wenn es mal nicht so rund läuft. In solchen Phasen dreht sich die innere Stimme ja vorrangig um das, was nicht reicht. Was die Menschen um uns herum wahrnehmen, ist meistens ein ganz anderes Bild.
Und dein Bild mit Tag und Nacht finde ich sehr schön und tröstlich. Die Flaute als notwendige Ruhe zu sehen, die den nächsten Schritt erst möglich macht. Das nehme ich mit.
Ich freue mich auch schon sehr auf die Reise nach Bologna und darauf, das gemeinsam mit dir zu erleben.
Liebe Grüße
Janina